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Nachruf Hansjakob Seiler

Die Philosophische Fakultät und das Institut für Linguistik trauern um Prof. em. Hansjakob Seiler, der am 13.08.2018, im Alter von 97 Jahren verstorben ist.

Zum Tod des Sprachwissenschaftlers Hansjakob Seiler (16.12.1920-13.08.2018)

Am 13. August 2018 ist der in Lenzburg wohnhafte Sprachwissenschaftler Hansjakob Seiler im hohen Alter von 97 Jahren gestorben. International war Seiler für seine Forschung zu Fragen der Sprachstruktur (sog. Strukturalismus) und zu den universellen Grundgesetzen der Sprachen (sog. Sprachuniversalien) anerkannt. Er war einer der ersten Linguisten im deutschsprachigen Raum, der die deskriptiv-strukturalistischen Methoden der Sprachwissenschaft konsequent anwandte, um grundlegende Sprachphänomene zu untersuchen. Für das rein Handwerkliche sei die strukturalistische Methode die beste Ausgangsbasis, sagte er.

Sein Glück war es, dass er nach dem Studium der Klassischen Philologie und der Promotion an der Universität Zürich (1939-1947) mit den Linguisten Émile Benveniste (1902-1976), Roman Jakobson (1896-1982) und Bruno Snell (1896-1986) drei Mentoren fand, die zu den Pionieren des Strukturalismus, der Sprachuniversalienforschung und der Erforschung von aussereuropäischen Sprachen zählten.

Auch für Hansjakob Seiler war die Erforschung einer vom Aussterben bedrohten Indianersprache eine prägende Erfahrung: In mehreren Forschungsaufenthalten zwischen 1955 und 1973 untersuchte er in Südkalifornien die Cahuilla-Sprache, die 1994 noch 7 bis 20 Personen beherrschten. Für diese Sprache erarbeite Seiler eine Grammatik, ein Wörterbuch und eine Textsammlung mit mündlicher Literatur, Gesängen und Mythen in englischer Übersetzung. 1959 erfolgte der Ruf auf den Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität zu Köln, den Seiler bis zu seiner Emeritierung 1986 innehatte.

Durch die jahrelange intensive Erforschung des Cahuilla gewann Hansjakob Seiler eine Vorstellung, wie unterschiedlich Sprachen strukturiert sein können. Die Erfahrungen mit den Sprachen der Welt und die langjährige Beschäftigung mit sprachtheoretischen Fragen bildeten die Grundlage für die Sprachuniversalienforschung, die ihn am meisten interessierte und beschäftigte. Sie gipfelte in dem interdisziplinären Forschungsprojekt «Sprachliche Universalienforschung und Typologie unter besonderer Berücksichtigung funktionaler Aspekte (UNITYP)», das 20 Jahre (1972-1992) dauerte und Seilers wichtigster Beitrag zur Sprachwissenschaft wurde.

Zu den zahlreichen Ehrungen und Anerkennungen, die Seiler erhielt, gehören namentlich die Verleihung der Ehrendoktorwürde (Dr. h.c.) der Universitäten Löwen und Paris VII sowie die Mitgliedschaften in der Akademie von Nordrhein-Westfalen, in der Academia Europaea in London, als Correspondent étranger der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres am Institut de France in Paris. Zudem war er Ehrenmitglied der Schweizerischen Sprachwissenschaftlichen Gesellschaft.

Ausgangspunkt für Seilers Universalienforschung war die Annahme, dass der Mensch überall vergleichbare Erfahrungen mit seiner Umwelt und seiner Existenz macht, und dass er diese Erfahrungen in seiner Gedankenwelt als grundlegende Konzepte verarbeitet. Entsprechend sind solche gedanklichen Konzepte (zum Beispiel Besitz oder Gegenstand) in allen Sprachen vorhanden und somit «universal». Wie diese Konzepte sprachlich ausgedrückt werden, unterscheidet sich von Sprache zu Sprache. Durch den Vergleich verschiedener Sprachen kann die Sprachwissenschaft die Techniken, mit denen ein Konzept sprachlich realisiert wird, zusammenstellen und in kontinuierlicher Weise anordnen. Diese Kontinua erachtete Seiler als ein zentrales, linguistisches Ordnungsprinzip.

Nach seiner Emeritierung 1986 kehrte der am 16. Dezember 1920 in München geborene Sohn eines Schweizer Zoologen und einer Konzertsängerin zurück in die Schweiz nach Lenzburg. Im Geburtsort seiner Gattin, der Malerin Elisabeth Mey Seiler, arbeitete er bis zuletzt an Fragen zur Universalität in der Sprache. 2000 erschien die Synthese seiner Universalienforschung. Seine letzte Studie gab er 2015 im Alter von 95 Jahren heraus. Unterstützung für seine Forschung erhielt Seiler auch vom Kanton Aargau. Seine Privatbibliothek mit rund 5000 Publikationen wurde 2001 der Aargauer Kantonsbibliothek geschenkt. Sie ist ein wichtiger Fundus für die Linguistik. Hansjakob Seiler selbst blieb ein bescheidener Mensch mit starker Liebe zur Natur und zu den Künsten, im Speziellen zur Malerei und zur Musik.

Weitere Informationen:

Persönliche Website von Hansjakob Seiler mit Informationen zu seiner Forschung und dem Projekt UNITYP:

https://seiler-unityp.com/

Sammlung Seiler in der Kantonsbibliothek Aarau:

https://www.ag.ch/de/bks/kultur/archiv_bibliothek/kantonsbibliothek/sammlungen/seiler/seiler.jsp

Hansjakob Seiler am Institut für Sprachwissenschaft der Universität zu Köln

http://ifl.phil-fak.uni-koeln.de/31640.html#c133880

Eintrag «Hansjakob Seiler» auf Wikipedia:

https://de.wikipedia.org/wiki/Hansjakob_Seiler

Eintrag «UNITYP - Kölner Universalienprojekt» auf Glottopedia:

http://www.glottopedia.org/index.php/UNITYP_-_Kölner_Universalienprojekt

 

Zürich, 17. August 2018, Florian Meyer, Neffe des Verstorbenen.