Preisträger*innen 2016

 

Dr. Frank Förster
Der Abu Ballas-Weg. Eine pharaonische Karawanenroute durch die Libysche Wüste

Die erste Arbeit, die heute ausgezeichnet werden soll, bewegt sich mit ihrem Thema an der Schnittstelle von Ur- und Frühgeschichte und Ägyptologie.

Jahrelang hat sich ihr Autor, Frank Förster, vor Ort in der westlichen Wüste Ägyptens aufgehalten und unter teils schwierigsten Bedingungen das Quellenmaterial für seine Dissertation gesammelt. Unter Einbeziehung aller Sachüberreste sowie schriftlicher und bildlicher Quellen gelingt es ihm, einen alten Verkehrsweg durch die Wüste nachzuweisen, zu dessen Nutzung in regelmäßigen Abständen Versorgungslager mit Wasser und Nahrung für die pharaonischen Eselskarawanen angelegt worden waren, deren Überreste (der Versorgungslager, nicht der Esel) sich z.T. bis heute erhalten haben.

Der Autor bleibt aber nicht beim reinen Nachweis dieser antiken Verkehrsverbindung stehen, sondern entwirft darüber hinaus unter Nutzung verschiedener Forschungsansätze ein anschauliches Bild des immensen logistischen Aufwands, der vom pharaonischen Staat unternommen wurde, um diesen Karawanenweg zu betreiben. Unter Auswertung weiterer Quellen gelingt es Herrn Förster zudem überzeugend, den Abu-Ballas Weg, der immer nur zu ganz bestimmten historischen Phasen genutzt wurde, in seinen geschichtlichen Kontext zu einzuordnen.

Über das ganze Werk hinweg besticht immer wieder die Methodenkompetenz, die vom Autor an den Tag gelegt wird, sowie die überzeugende argumentative Anlage: Zu jedem Abschnitt des Buchs werden zuerst Thesen und Antithesen vorgelegt, die dann mit gut begründetem Urteil entweder bestätig oder verworfen zu werden. Die Arbeit zeigt einen klaren und präzisen Aufbau, dem der Leser ohne Schwierigkeiten folgen kann. Sie ist hervorragend illustriert und schließt erfreulicherweise mit Zusammenfassungen in insgesamt vier Sprachen ab. Es handelt sich um eine der Dissertationen, die auch von Fachfremden mit Gewinn und Genuss gelesen werden kann – auch deshalb wird sie mit dem Offermann-Hergarten Preis ausgezeichnet.

Förster, Frank, Der Abu Ballas-Weg. Eine pharaonische Karawanenroute durch die Libysche Wüste, Africa Praehistorica 28, Heinrich Barth Institut, Köln: 2015.

 

 

Felix Giesa
Graphisches Erzählen von Adoleszenz. Deutschsprachige Autorencomics nach 2000

Bei der zweiten der heute auszuzeichnenden Arbeiten handelt es sich um eine literaturwissenschaftliche Dissertation. Welches sind Gegenstände der Literaturwissenschaft? Die meisten von uns würden bei dieser Frage an die „klassischen“ Gattungen denken: an das Drama (das wir seit der Antike kennen), den Prosaroman (der in der Spätantike entstanden ist) oder die Novelle (der wir in der frühen Neuzeit das erste Mal begegnen). – Um alles dies geht es hier nicht, sondern um eine sehr junge Textgattung, die lange Zeit auch gar nicht als „würdiger“ Gegenstand literaturwissenschaftlicher Forschung erachtet wurde: Es geht um Comics, also ein Genre, das im 20. Jhd. einen enormen Aufschwung nahm, aber erst seit recht kurzer Zeit als literarische Form ernst genommen wird. Breitere Anerkennung wurde dem Comic bzw. der Graphic Novel erstmals zuteil, als Art Spiegelmans Werk „Maus. A Survivor’s Tale“ im Jahr 1992 als erster Comic mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet wurde.

Obwohl sich der Comic inzwischen als komplexes episches Genre etabliert hat, finden sich in der Forschung erst wenige Ansätze einer Theorie des graphischen Erzählens. Angesichts dieser Forschungslage präsentiert Felix Giesa nicht nur eine überzeugende empirische Studie, sondern leistet auch theoretisch-methodische Grundlagenarbeit und liefert einen wichtigen Beitrag zur literaturwissenschaftlichen Comictheorie.

In der eigentlichen Untersuchung analysiert Herr Giesa Comics, die sich mit Thema der Adoleszenz – also mit dem Erwachsenwerden – beschäftigen. Anhand der ausgewählten Adoleszenzcomics von Mawil Wir können ja Freunde bleiben (2005), Flix sag was (2004), Kati Rickenbach Jetzt kommt später (2011), Naomi Fearn Dirt Girl (2004), Arne Bellstorf acht, neun, zehn (2005) und Aisha Franz Alien (2011) führt Felix Giesa gekonnt in die Funktionsmechanismen innovativer Bild-Text-Narrative ein. Überdies gelingt es ihm, zu zeigen, dass die Comics Adoleszenzerfahrungen auf eine überraschende und differenzierte Weise zur Darstellung bringen, die auch eine Revision gängiger jugendsoziologischer Befunde erfordert. Insofern weisen die Ergebnisse seiner Arbeit über den Horizont der Literaturwissenschaften hinaus. Herzlichen Glückwunsch zu dieser Leistung.

Giesa, Felix, Graphisches Erzählen von Adoleszenz. Deutschsprachige Autorencomics nach 2000. Frankfurt a.M.: Peter Lang 2015.

 

 

Marie Isabel Kaiser
Reductive Explanation in the Biological Sciences

Marie Isabel Kaiser beschäftigt sich in ihrer auf Englisch verfassten philosophischen Dissertation Reductive Explanation in the Biological Sciences mit der wissenschaftstheoretischen Frage, was reduktive Erklärungen in der Biologie eigentlich sind. Dabei ist ihr wissenschaftlicher Ansatz im doppelten Sinne innovativ. Im Zentrum steht erstens nicht mehr die inzwischen fast totdiskutierte Frage, ob Erklärungen in den Lebenswissenschaften generell aus niederstufigen Erklärungen, z.B. der Chemie oder Physik, ableitbar sind, sondern in welchem Sinne einzelne biologische Erklärungen ‚reduktiv‘ genannt werden sollten. Und zweitens nähert sich Frau Kaiser ihrem Thema methodisch von der tatsächlichen Praxis biologischer Forschung aus an und vermeidet es, abstrakte und anwendungsferne Ideale zu diskutieren.

Im Herzstück ihrer Arbeit entwickelt Frau Kaiser anhand von vielen konkreten und anschaulichen Beispielen ein ganz neuartiges Verständnis reduktiver Erklärungen in der Biologie. Danach liefern uns diese Erklärungen Modelle vom Wissen biologischer Phänomene, die auf dem Verständnis ontologisch niedrigerer Stufen und einer isolierten Betrachtung der Funktion der Teile von biologischen Objekten beruhen. Die reduktiven Erklärungen müssen sich jedoch nicht nur auf das Objekt selbst beziehen, sondern können auch die Umwelt oder die evolutionäre Geschichte einbeziehen. Der Vorschlag von Frau Kaiser ist neuartig und  kann reduktive Erklärungen auch überzeugend von anderen Erklärungstypen abgrenzen.

Marie Kaisers Arbeit greift nicht nur hochkompetent ein wichtiges Thema aus der Philosophie der Biologie auf. Sie eröffnet durch ihren praxisnahen Zugang vor allem auch methodisch und begrifflich neue und wegweisende Perspektiven. Dabei gelingt es ihr geradezu bravurös, den Nachvollzug der zum Teil sehr abstrakten Gedankengänge in einen nachhaltigen Lektüregenuss zu verwandeln, indem sie auf gelungene Weise eine Vielzahl veranschaulichender und Verständnis fördernder Techniken benutzt. Bereits ein Jahr nach der Publikation deutet das erkennbare Echo in der Fachwelt darauf hin, dass Marie Kaisers Buch zu einem Meilenstein in der Fachdiskussion werden wird. Mit der Verleihung des Offermann-Hergarten Preises wollen wir diese hervorragende Leistung ebenfalls würdigen.

Kaiser, Marie Isabel, Reductive Explanation in the Biological Sciences. Springer (Reihe: History and Theory of the Life Sciences) 2015

 

 

Andreas Maier
The Central European Magdalenian. Regional Diversity and Internal Variability

Die Studie von Herrn Maier führt uns in die jungpaläolithische Kulturepoche des Magdalenian. Dies war die Zeit vor ungefähr 17-12.000 Jahren, in der Zentraleuropa nach dem Rückgang der letzten eiszeitlichen Vergletscherung erneut besiedelt wurde. Er stellt sich die Frage, wie sich die menschlichen Siedlungsmuster nach dem Eis ausbreiteten. Dazu analysiert Herr Maier im Detail 26 Fundkonglomerate, vor allem aber liefert er eine zusammenfassende, auf Synthese angelegte Auswertung  der in der Forschungsliteratur publizierten Daten zu rund 700 Fundstätten aus dem gesamten der Magdalenian Kultur zugerechneten Raum. Ausführlich und präzise werden zunächst der methodische und theoretische Rahmen abgesteckt und das reichhaltige Fundmaterial beschrieben, bevor der Verf. seine Neuinterpretation der Siedlungs- und Kommunikationsmuster sowie der Besiedlungschronologie vorlegt.

In seiner klar argumentierenden, auf breites Quellenmaterial gestützten, methodisch ambitionierten und theoretisch reflektierten Synthese kommt Herr Maier zu einer überzeugenden Neudeutung des Siedlungsszenarios: Aufgrund von Ähnlichkeiten der Artefakte, der Analyse von Austauschbeziehungen und der Herkunft von Materialien unterscheidet er fünf regionale Siedlungsgruppen, die sich wiederum zwei Großgruppen – einer westlichen und einer östlichen – zuordnen lassen. Gegen die bislang herrschende Forschungsmeinung kann Herr Maier außerdem zeigen, dass die nacheiszeitliche Wiederbesiedlung des zentraleuropäischen Raumes nicht in einer West-Ost-Einbahnstraße, sondern sehr wahrscheinlich gleichzeitig von einem westlichen und einem östlichen Herkunftsgebiet ausging. Beide Gebiete standen zudem – auch dieser Befund weicht von bisherigen Vorstellungen ab – in lockerem, aber für den Kulturtransfer ausreichend dichtem Kontakt. Die schlüssige Argumentation und Beweisführung zeigen eindrucksvoll die Erkenntnismöglichkeiten einer synthetisierenden Re-analyse der vorliegenden Forschung. Sie stellen ältere Deutungen und stereotype Vorstellungen einer West-Ost-Besiedlung überzeugend in Frage und demonstrieren zudem den Erkenntniswert von Theorien (Milgrams small-world-These), die ursprünglich in ganz anderem Zusammenhang entworfen wurden. Hervorzuheben sind überdies die reichhaltige Ausstattung des Bandes mit Bild- und Kartenmaterial sowie die klare sprachliche Form des Textes. Wir gratulieren herzlich zur Verleihung des Offermann-Hergarten Preises.

Maier, Andreas, The Central European Magdalenian. Regional Diversity and Internal Variability, Springer: Dordrecht 2015.

 

 

Uta Reinöhl
Grammaticalization and the Rise of Configurationality in Indo-Aryan

Die letzte Arbeit, die heute vorzustellen ist, kommt aus der Linguistik. Uta Reinöhl ist eine außergewöhnlich vielversprechende junge Forscherin, die mit ihrer Dissertation ein Werk vorgelegt hat, welches man mit Fug und Recht als „bahnbrechend“ bezeichnen kann. Über den gesamten belegten Zeitraum von ca. 3.000 Jahren hinweg untersucht sie die Entwicklung und Wandlung vom vedischen Sankrit über das Mittelindische und klassische Sanskrit bis hin zum modernen Hindi, also eine 4 Sprachstufen umfassende Wandlung.

Es geht um die Frage, wie sich ein sog. nichtkonfigurationales Sprachsystem, das sich durch sehr freie Wortstellung auszeichnet, zu einem konfigurationalen Sprachsystem entwickelt, das durch eine fixierte Wortstellung und eine hierarchisch organisierten Phrasenstruktur charakterisiert ist. Die Arbeit beindruckt nicht nur durch die genauen empirischen Analysen, sondern auch durch ihre anspruchsvolle theoretische Diskussion. Frau Reinöhl kann präzise zeigen, wie Prozesse der Grammatikalisierung nach und nach den Wandel von einer nicht-konfigurationalen zu einer konfigurationalen Sprache bedingen. Ihre Arbeit leistet einen herausragenden und überaus originellen sprachwissenschaftlichen Beitrag, und zwar sowohl zur Geschichte der indoarischen Sprachen als auch in Bezug auf theoretische Grundsatzfragen der Grammatikalisierung.

Fiel es bisher in der Indologie schwer, den Studierenden zu verdeutlichen, was denn das moderne Hindi noch mit der vedischen Sprache der Indo-Arier gemeinsam hat, so hat Frau Reinöhl uns nun eine klare und einleuchtende Argumentation geliefert. Nicht umsonst wurde das bei Oxford University Press publizierte Werk (einer der besten Adressen) schon zweimal ausgezeichnet: zum einen durch die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft als „Beste Dissertation“ mit dem Wilhelm von Humboldt Preis 2015, zum anderen mit einer „Besonderen Auszeichnung“ durch die Studienstiftung des Deutschen Volkes.  -  Die Offermann-Hergarten Stiftung schließt sich hier nun gerne an und prämiert das Werk von Frau Reinöhl.

Leider kann Frau Reinöhl den Preis heute nicht selbst entgegennehmen, da sie sich z.Zt. zu einem Forschungsaufenthalt in Australien aufhält. Sie hat ihren Kollegen Felix Rau gebeten, sie zu vertreten und den Preis  - und stellvertretend auch unseren Applaus - entgegenzunehmen.

Reinöhl, Uta (2016): Grammaticalization and the Rise of Configurationality in Indo-Aryan. Oxford: University Press.