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Forschungsprojekte der Philosophischen Fakultät 2018/2019

Feldforschung mit Zeitzeugen in Shandong. Foto: Prof. Dr. Felix Wemheuser

Rebell*innen an der Macht

Fraktionskämpfe der Kulturrevolution in der chinesischen Provinz Shandong (1966-1969)

Prof. Dr. Felix Wemheuer | China-Studien

Anschubförderung, Dekanat der Philosophischen Fakultät sowie GSSC

In der Frühphase der Kulturrevolution (1966-1969) führten Fraktionskämpfe innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) sowie der Gesellschaft fast zum Zusammenbruch des Staates. Wir haben die Provinz Shandong als Fallstudie für unser Projekt ausgewählt, um die Frage zu erforschen, wie sich Fraktionskämpfe auf den verschiedenen Ebenen von Staat und Gesellschaft entwickelten. Die Provinz ist die zentrale Ebene der Analyse von Fraktionskämpfen, da die Zentralregierung keine Gründung von Rebellenorganisationen auf nationaler Ebene erlaubte. Seit 2014 haben wir zusammen mit Doktorand*innen der Universitätzu Köln und Wien Dokumente im Umfang von über20.000 Seiten gesammelt sowie Interviews mit wichtigenehemaligen Rebellenführern auf allen Ebenen durchgeführt. Die Aufnahmen haben bisher einen Umfang vonüber 100 Stunden. Insgesamt waren wir sieben Mal in der Provinz zur Feldforschung. Das Projekt untersucht, wie die Rebellenkoalition von Kadern, Studenten, Arbeitern und Soldaten geschaffen wurde und warum sie in der Lage war, die Macht 1967 zu ergreifen. Auch soll geklärt werden, welche Ereignisse schließlich zur Spaltung der Rebellen und zu ihrem endgültigen Sturz 1969 führten?
Um die Dynamik der Bewegung zu untersuchen, sollen die Interaktionen zwischen den Ebenen der Zentralregierung, Provinz, Stadt, Bezirk und Kommune untersucht werden. Es soll erklärt werden, wie Ereignisse und Politikwechsel auf Ebene der Provinz zur Neuformierung von Fraktionen führten. Wir gehen davon aus, dass die fraktionellen Netzwerke geographisch fragmentiert waren. Es gab keine Befehlskette von der Ebene der Provinz zur Stadt oder sogar zum Kreis. Bisher ist nur wenig erforscht worden, wie sich Fraktionskämpfe auf lokaler Ebene entwickelten. Die gewalttätigsten Fraktionskämpfe brachen in Shandong zum Beispiel in dem Distrikt Linyi aus. Zu diesem Fall haben wir bereits hunderte Kopien von Archivakten gesammelt, um zu analysieren, wie sich Fraktionskämpfe auf Kommune- und Dorfebene unter Kadern und Bauern entwickelten.
Wir hoffen, mit dem Projekt zu einem neuen Verständnis der Fraktionskämpfe während der Kulturrevolution beizutragen. Das Projekt wird die empirische Auswertung einer großen Sammlung von Daten und Archivdokumenten mit der Entwicklung der Theorie des Fraktionalismus verbinden. Es sollen aus dem Projekt zwei Doktorarbeiten und eine Monographie hervorgehen.


Text: Felix Wemheuer

Kontakt

China-Studien
Prof. Dr. Felix Wemheuser

Weitere Mitarbeiter*innen: Frau JING Wenyu, Herr CUI Jinke

E-Mail felix.wemheuer(at)uni-koeln.de