Preisträger*innen 2015

 

Dr. Anastasia Bauer
The Use of Signing Space in a Shared Sign Language of Australia

Das erste Buch, dessen Autorin heute ausgezeichnet wird, ist eine linguistische Arbeit. Der Laie denkt bei „Linguistik“ meist an die gesprochene Sprache – das lateinische „lingua“ bedeutet ja ursprünglich „die Zunge“. In der Studie von Anastasia Bauer – unser Preisträgerin – geht es um etwas anderes, nämlich um eine Zeichensprache. Mit ihrer Untersuchung The Use of Signing Space in a Shared Sign Language of Australia legt sie eine wirkliche Pionierarbeit vor: Zum ersten Mal überhaupt wird hier die komplexe  Zeichensprache der Yolngu vorgestellt, einer australischen Aborigine-Sprachgemeinschaft aus Northeast-Arnhem-Land. Das Material hat die Autorin während zweier Feldforschungsaufenthalte gesammelt – hauptsächlich in Form von Video-Aufzeichnungen, die in der Arbeit analysiert wurden.

Die Zeichensprache der Yolngu ist ein neben der gesprochenen Sprache existierendes Verständigungsmittel – durchaus auch für HÖRENDE – wie man es aus zahlreichen Stammeskulturen auch außerhalb Australiens kennt.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht der Gebrauch von „Raum“ (d.i. der freie Raum vor, hinter und neben dem in Zeichensprache Kommunizierenden). Dieser Raumbezug wird besonders deutlich bei den Pronomen und Verwandtschaftswörtern. Um Verwandtschaften zu bezeichnen, wird der gesamte Raum um den Kommunizierenden herum benutzt: „Schwester“ wird angezeigt durch die Berührung des Unterschenkels, „Mutters Mutter“ durch eine bestimmte Handhaltung hinter dem Rücken, „Ehemann“ durch eine Handbewegung an der rechten Körperseite, usw.

Das Buch ist reich illustriert: zahlreiche Gesten sind durch Photos von Yolngu-Sprechern belegt, so dass auch der fachfremde Leser einen lebendigen Eindruck dieser Zeichensprache gewinnen kann. Auch dadurch ist das Werk insgesamt sehr gut lesbar. Die Studie stellt nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Spezialforschung zu der betreffenden Sprachgemeinschaft dar, sondern liefert auch Impulse für die linguistische Forschung zu zeichensprachlichen Systemen im weiteren Sinne.

Dafür wird die Arbeit mit dem Offermann-Hergarten-Preis ausgezeichnet.

Bauer, Anastasia, The Use of Signing Space in a Shared Sign Language of Australia, Berlin: De Gruyter Mouton 2014.

 

 

Dr. Christian Blum
Die Bestimmung des Gemeinwohls

Christian Blum – unser zweiter Preisträger – beschäftigt sich in seiner philosophischen Dissertation Die Bestimmung des Gemeinwohls mit der genauso spannenden wie heiklen Frage, welche Rolle das Gemeinwohl in Demokratien eigentlich spielen darf.

Politiker berufen sich zur Rechtfertigung ihres Handelns ständig auf dieses Gemeinwohl. Aber die Erinnerung an den inflationären Gebrauch dieses Begriffs z.B. in der Nazi-Zeit (Gemeinnutz geht vor Eigennutz etc.) lässt zumindest einige Zweifel daran aufkommen, ob und inwieweit diese Praxis demokratietauglich ist.

Blum präpariert das zugrunde liegende Problem messerscharf heraus: Damit die Berufung auf das Gemeinwohl für Demokratien akzeptabel ist, kann eigentlich nur das als Gemeinwohl gelten, was im Rahmen der demokratischen Willensbildung dafür gehalten wird. Genau diese Prozeduralisierung scheint den objektiven Kern des Gemeinwohls jedoch auszuhöhlen. Um das skizzierte Dilemma aufzulösen, entwickelt Blum völlig eigenständig die von ihm so genannte „integrative Gemeinwohltheorie“ - eine Theorie, die objektive Rahmenbedingungen mit der demokratischen Willensbildung überzeugend versöhnt. Blum belässt es nicht bei dieser abstrakten Problemlösung, sondern entwickelt einen differenzierten und anwendungsbezogenen Kriterienkatalog des Gemeinwohls. Diese Katalog erprobt er an der Bewertung von zwei aktuellen politischen Entscheidungsprozessen: dem Dresdener Brückenstreit und dem Problem der nachträglich angeordneten Sicherungsverwahrung für Straftäter.

Blums Arbeit ist eine in jeder Hinsicht gelungene philosophische Studie. Sie bietet eine gleichermaßen originelle wie substanzielle Lösung für ein zu Unrecht vernachlässigtes Thema der politischen Philosophie. Zugleich wartet sie mit konkreten Vorschlägen für die politische Praxis auf. Sie besticht durch ihren stringenten Argumentationsgang, aber auch durch große Klarheit und einen völlig schnörkellosen Stil. Die Lektüre ist auch für den Laien ein intellektueller Hochgenuss – und auch dies ist ein Grund, sie mit dem Preis der Offermann-Hergarten-Stiftung auszuzeichnen.

Blum, Christian, Die Bestimmung des Gemeinwohls, Berlin: De Gruyter 2015.

 

 

Dr. Stefan Niklas
Die Kopfhörerin. Mobiles Musikhören als ästhetische Erfahrung

Stefan Niklas befasst sich mit einem alltagskulturellen Phänomen, das Sie alle kennen, ganz gleich, ob Sie es selbst begeistert praktizieren, ob Sie es gleichgültig zur Kenntnis nehmen oder ob Sie davon furchtbar genervt werden. Es geht um das „Kopfhören“, also den Musikgenuss in der Öffentlichkeit per Kopfhörer und walkman, mp3-Player oder smartphone. Studiert wird der Sozialtypus der Kopfhörerin und das mobile Musikhören als ästhetische Erfahrung – so der Titel und Untertitel seiner Arbeit.

Das mit dem «Walkman» aufgekommene mobile Musikhören im öffentlichen Raum wird gerne als Akt der Abschottung von der Umwelt gedeutet. Diesem kulturkritischen Verdikt tritt Stefan Niklas in seiner philosophischen Dissertation entgegen. Seine These lautet, dass die Fort­bewegung mit aufgesetzten Kopfhörern auch neue Wege ästhetischer Erfahrung erschließt. Ausgehend von der ästhetischen Theorie des Pragmatismus und einer akteurzentrierten Kultursoziologie legt er dar, wie die prototypische Figur der ‹Kopfhörerin› im öffentlichen Nah- und Fernverkehr Alltagssituationen auditiv transzendiert — etwa indem sie sich in der Straßenbahn eine eigene Atmosphäre schafft oder im Intercity die filmartig vorbeiziehende Landschaft mit einer individuellen Tonspur versieht. In beiden Fällen, so das Ergebnis, führt das Kopfhören zu einer synästhe­tischen Verknüpfung von Sinneseindrücken auditiver, visueller und anderer Art.

Die elegant formulierte Analyse der neuen Erfahrungsmöglichkeiten, die die scheinbar triviale Situation des Musikhörens per Kopfhörer eröffnet, bietet Herrn Niklas die Gelegenheit zur grundsätzlichen Erörterung theoretischer und begrifflicher Probleme „ästhetischer Erfahrung“, aber auch zu gegenstands- und praxisnahmen Reflexionen zum Erfahrungswandel unter den Bedingungen (post)moderner Individualisierung. Seine Arbeit leistet damit sowohl einen Beitrag zur philosophischen Theorieentwicklung als auch zur kulturwissenschaftlichen Analyse neuer Medienpraktiken, deren Bedeutung über den konkreten Gegenstand des „Kopfhörens“ deutlich hinausweist.

Niklas, Stefan, Die Kopfhörerin. Mobiles Musikhören als ästhetische Erfahrung, Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2014.

 

 

Dr. Sonja Riesberg
Symmetrical Voice and Linking in Western Austronesian Languages

Mit der Studie von Sonja Riesberg steht eine zweite linguistische Arbeit zur Auszeichnung an. Diese befasst sich allerdings nicht mit einer Gebärdensprache, sondern mit gesprochenen und geschriebenen Sprachen. Frau Riesberg untersucht in ihrer sprachwissenschaftlichen Dissertation Symmetrical voice and linking in Western Austronesian languages die Diathesesysteme von vier west-austronesischen Sprachen (Totoli, Balinesisch, Indonesisch, Tagalog). Mit „Diathese“ bezeichnen die Experten eine sprachliche Kategorie, die v.a. die Unterscheidung zwischen Aktiv und Passiv betrifft und damit die Möglichkeit, ein- und denselben Sachverhalt aus unterschiedlicher Sicht und in unterschiedlicher sprachlicher Struktur auszudrücken.

Die Arbeit belegt nun, dass in diesen Sprachen Aktiv und Passiv gleichermaßen markierte Konstruktionen darstellen und ihnen insofern „symmetrische Diathesesysteme“ zugrunde liegen. Von den meisten anderen Sprachen der Welt unterscheiden sie sich in dieser Hinsicht grundlegend.

Die Monographie leistet einmal einen sehr wichtigen Beitrag zu unserem Verständnis der genannten westaustronesischen Sprachen. Zum anderen liefert sie aber auch originelle Beiträge zu einigen Kernfragen von Typologie und Sprachtheorie, insbesondere was die Frage nach der Beziehung zwischen den an einem Verbalereignis beteiligten Sprechern und deren sprachlicher Realisierung betrifft. Auf der Grundlage einer umfangreichen empirischen Studie arbeitet Riesberg in sehr präziser und anschaulicher Weise die fundamentale Relevanz und die grundsätzlichen Probleme heraus, die westaustronesische Sprachen für verschiedene Grammatiktheorien darstellen. Schließlich bietet sie einen eigenständigen, sehr innovativen Lösungsvorschlag für diese sprachtheoretischen Probleme an.

Ihr Ansatz erfasst dabei nicht nur die Besonderheiten der symmetrischen westaustronesischen Sprachen, sondern auch die von nicht-symmetrischen Sprachen wie etwa dem Deutschen und trägt so zu einer klaren Verbesserung bestehender theoretischer Ansätze bei.

Riesberg, Sonja, Symmetrical Voice and Linking in Western Austronesian Languages, Berlin: De Gruyter Mouton 2014.

 

 

Dr. Stefanie Seeberg
Textile Bildwerke im Kirchenraum. Leinenstickereien im Kontext mittelalterlicher Raumausstattung aus dem Prämonstratenserinnenkloster Altenberg/Lahn

Die letzte heute auszuzeichnende Arbeit stammt aus der Kunstgeschichte. Und wie es sich für eine preiswürdige Forschungsarbeit gehört, befasst sie sich mit einem Gegenstand und einem Thema, über das wir bisher noch nicht viel wissen, über dass wir aber nach der Lektüre bestens unterrichtet sind.

In ihrer materialreichen Habilitationsschrift widmet sich Dr. Stefanie Seeberg nämlich einem bislang von der Forschung weitgehend vernachlässigten Gegenstand: Den textilen Bildwerken, die man in mittelalterlichen Kirchenräumen fand (findet). Es geht um Leinenstickereien, die zur Raumausstattung und Raumgestaltung genutzt wurden. Dies erforscht Frau Seeberg am Beispiel der Ausgestaltung des Prämonstratenserinnenklosters in Altenberg an der Lahn bei Gießen.

Im Zentrum der Abhandlung steht ein ungewöhnlich gut dokumentiertes und erhaltenes Ensemble von farbigen Leinenteppichen aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Neben naturwissenschaftlichen Analysen hinsichtlich ihrer Farbigkeit und Webtechnik werden diese Bilder auch im baulichen Kontext der Kirche unter verschiedenen Fragestellungen untersucht. Es geht um ihre Ikonographie, um die liturgische Einbindung, die performative Dimension und auch um ihr Verhältnis zu anderen Bildmedien. Frau Seeberg gelingen vielfältige, in diesem Zusammenhang sehr innovative Einblicke in das mediale Zusammenspiels von Bildern in Kirchenräumen, sowohl im Hinblick auf ihre Konzeption wie ihre Rezeption.

Insgesamt bietet die Untersuchung damit auch neue Erkenntnisse zu breiteren Themenfeldern der aktuellen kulturhistorischen Forschung wie Patronat und Memoria, Medialität und Materialität sowie auch allgemein zur Erforschung der mittelalterlichen Frauenklöster. - Durch seine klare Sprache, die reiche Bebilderung und das hervorragende Layout ist das Werk auch für den fachfremden Leser und Laien sehr gut lesbar. Es handelt sich also nicht nur inhaltlich, sondern auch der Form nach um eine herausragende und daher preiswürdige Arbeit.

Seeberg, Stefanie, Textile Bildwerke im Kirchenraum. Leinenstickereien im Kontext mittelalterlicher Raumausstattungen aus dem Prämonstratenserinnenkloster Altenberg/Lahn, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2014.