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Fakultätspreise für Abschlussarbeiten WS 2020/21


Bachelorarbeiten



Tobias Schröer

"Investigating potential acoustic correlates of sonority: Intensity vs. periodic energy"

B.A. Linguistik und Phonetik, Betreuerin: Prof. Dr. Martine Grice

Die Bachelorarbeit „Investigating potential acoustic correlates of sonority: Intensity vs. periodic energy” im Fach Linguistik und Phonetik erforscht auf experimenteller Basis die akustischen Eigenschaften einer Reihe von Konsonanten und deren mögliche Korrelate mit dem – laut Erstgutachten – „heiligen Gral“ der Phonetik, der Sonorität.  Wie schon aus dem Titel ersichtlich wird, ist das Thema der Arbeit Fachfremden eher schwer zugänglich. Auch diese Laudatio muss sich deswegen vor allem auf das begleitende Fachgutachten stützen, um hervorzuheben, dass diese Bachelorarbeit sich methodisch und theoretisch auf einem sehr hohen Niveau bewegt und es ihr dabei gelingt: „neues Licht auf diese […] Problematik zu werfen und klare Wege für zukünftige groß angelegte Studien aufzuzeigen“. Auch der Nichtlinguist*in wird jedoch beim Lesen der Arbeit schnell die besondere wissenschaftliche Begabung und analytische Kompetenz des Autors deutlich. Die Sprache ist analytisch und klar, das Vorgehen methodisch und strukturiert, und das Englisch des Textes – obwohl keine Muttersprache des Autors – ‚impeccable‘.  Die spezielle Problematik des Themas wird in den drei auf einander aufbauenden substantiellen Kapiteln der Arbeit umfassend untersucht, das Experiment kompetent dargestellt und analysiert, und das Resultat auf mehreren Seiten diskutiert. Das pointierte Schlusskapitel der Arbeit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen, diskutiert auch die limitierte statistische Aussagekraft dieser explorativen Studie und liefert Vorschläge, wie ihre Ergebnisse für eine umfassende wissenschaftliche Exploration der Problematik genutzt werden können. Die Bachelorarbeit übererfüllt damit sicher alle wissenschaftlichen Anforderungen an eine Bachelorarbeit.

 


Masterarbeiten



Maik Köster

"The lawsuits of Storace v. Longman & Broderip (1788-89) and Skillern & Goulding v. Longman & Broderip (1792-94). Copyright and ownership over insertion arias in late eighteenth century London"

M.A. Musikwissenschaft, Betreuer: Prof. Dr. Frank Hentschel

Die Arbeit behandelt am Beispiel von zwei Londoner Prozessen des 18. Jahrhunderts das Autor- und Werkverständnis in der Opernmusik. Zugleich wird auch die Fachgeschichte der Musikwissenschaft thematisiert. Dank der Auswertung zuvor noch nicht publizierten Archivmaterials kommt der Verfasser zu einer neuen Darstellung der Streitfälle und einer entsprechend neuen Interpretation der zugrundeliegenden Begriffe, die er überzeugend gegen die bislang veröffentlichten Darstellungen abgegrenzt. Dabei geht der Verfasser sensibel und differenzierend auch mit solchen Forschungsmeinungen um, die er korrigieren möchte. Die Arbeit leistet damit einen weiterführenden Beitrag zur aktuellen musikwissenschaftlichen Forschung.

Die Studie von Herrn Köster zeugt von sehr guter Kenntnis sowohl der musik- als auch der rechtswissenschaftlichen Problemkreise. Sie rekonstruiert einerseits die Zusammenhänge und Hintergründe der Streitigkeiten auf plausible Weise, um ihnen so ihre Fremdartigkeit nehmen. Andererseits zeigt sie aber auch die Historizität musikalischer Praktiken auf, die heute nicht mehr leicht verständlich sind, und kann sie ohne die Annahme eines fundamental anderen ästhetischen Bewusstseins plausibel machen. Weiterhin geht die Arbeit über rein historische Forschung hinaus, indem sie ihre Ergebnisse auch fachgeschichtlich perspektiviert und fragt, inwiefern die bislang vorherrschende Deutung der Urteile von einem ideologischen bias der Musikwissenschaft – nämlich ihren Vorbehalten gegenüber Pasticchio-Opern –  getragen wurde.

Trotz des umfangreichen Themas ist die Arbeit knapp gehalten, klar strukturiert und sehr gut lesbar. Sie erscheint der Jury daher als eine hervorragende Leistung und als uneingeschränkt preiswürdig.

 

Max Richter

"„Terror” in der schwedischen Gegenwartsliteratur – eine Annäherung"

M.A. Skandinavistik, Betreuer: Prof. Dr. Stephan Michael Schröder

Anders als es der Titel vermuten lässt, beschränkt sich die Masterarbeit von Max Richter nicht auf eine literaturwissenschaftliche Untersuchung von vier schwedischen Gegenwartsromanen. Indem sie Terror als mediales Kommunikationsphänomen begreift, verbindet sich medienwissenschaftliche Theoriebildung mit literaturwissenschaftlicher Textanalyse. Ausgehend von der Überlegung, dass Terror immer das Sprechen über terroristische Akte einschließt, verfolgt sie die Frage, wie Literatur über Terror schreiben kann, ohne an ihm teilzuhaben und sich zu seinem Komplizen zu machen. Die naheliegende Antwort, dass dies durch eine Reflexion der terroristischen Kommunikationslogik und ihrer (Massen-)Medien geschehe, wird durch die Beobachtung differenziert, dass die behandelten Romane jeweils verschiedene Medien in den Vordergrund stellen (Zeitung, Fernsehen, Mobiltelefon/Funkgerät, Smartphone) und damit auch medienhistorisch lokalisiert werden können. So lässt sich anhand der Romane auch eine Mediengeschichte des Terrors schreiben.

Die Arbeit überzeugt durch fundierte Kenntnisse der Medienwissenschaft sowie durch selbständige, eingehende literaturwissenschaftliche Interpretation. Ihre zentralen Begriffe und Probleme entwickelt sie im Dialog zwischen Literatur und Theorie, wobei sie trotz der Komplexität ihrer Gegenstände sprachlich klar und gut verständlich bleibt. So kann sie ein originelles, hochaktuelles Thema wissenschaftlich bereichernd untersuchen. Max Richters Masterarbeit erscheint der Jury daher als eine beeindruckende literaturwissenschaftliche Leistung, die mit dem Fakultätspreis ausgezeichnet zu werden verdient.

 

Christin Rochlitzer

"‚In ewiger Umarmung’ – Das Grabgedicht für Rhodanthion und Victoria (CLE 1142). Einleitung, Text, Übersetzung und Kommentar"

M.A. Lateinische Philologie; Papyrologie, Epigraphik u. Numismatik d. Antike, Betreuer: Prof. Dr. Jürgen Hammerstaedt

In guter altphilologischer Manier umfasst die Masterarbeit von Christin Rochlitzer die kritische Edition eines römischen Grabgedichtes für ein verstorbenes Ehepaar sowie dessen Übersetzung, Kommentar und Analyse. Dank des Rückgriffs auf neue Forschungen, aber auch auf neue Dokumentationen des Artefakts kann die Verfasserin Fehler früherer Editionen korrigieren. In Kommentar und Interpretation kommt sie zu neuen Ergebnisse sowohl in Bezug auf Textgestalt und Übersetzung als auch auf literarische Vorlagen (neben Vergil auch Ovid) und die Person des Verfassers, die den Erstgutachter der Arbeit überzeugen.

Über den eingehenden Kommentar des Textes hinaus wird das Artefakt auch als Ganzes betrachtet, wobei eine neue architektonische Einbettung des Schriftträgers erarbeitet und plausibel gemacht wird. Zudem schließt die Verfasserin sozialgeschichtliche Fragestellungen (sozialer Stand des Ehepaars, Bedeutung der Ehe, Darstellung der Ehefrau bzw. Witwe, lesekundige Adressaten) in ihre Analyse ein. Es handelt sich also um eine vielseitige Arbeit, deren Qualität auch dem Nicht-Philologen einsichtig wird. Dies gilt sowohl in Hinblick auf den Einbezug verschiedener Fachgebiete wie in Hinblick auf die eigene wissenschaftliche Leistung. Aus allen diesen Gründen ist die Jury von der Masterarbeit von Christin Rochlitzer beeindruckt und zeichnet sie mit dem diesjährigen Fakultätspreis aus.

Fakultätspreise für Abschlussarbeiten SS 2020


Bachelorarbeiten



Katja Sophie Habering

"Die ‘Transition Period‘ im Englischunterricht: Probleme und Problemlösungen beim Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe 1 im Gymnasium"

B. Ed. Sonderpädagogische Förderung, Betreuer: Dr. Göran Nieragden

Katja Sophie Habering befasst sich ihrer Bachelorarbeit mit den Schwierigkeiten, die derzeit auftreten, wenn Schüler:innen von der Grundschule in das Gymnasium wechseln und unterschiedliche Englischkenntnisse den Beginn des Unterrichts erschweren. Sie geht der Frage nach, wie der Übergang zwischen den beiden Schulformen für alle Schüler:innen und auch die Lehrkräfte erfolgreich gestaltet werden kann. In innovativer Weise schlägt Katja Sophie Habering ein praktisches Modell vor, in dem sie anhand des Bilderbuches The Koala Who Could (von Rachel Bright und Jim Field 2016) zwei Unterrichtseinheiten entwickelt, die zum einen am Ende der 4. Klasse im Englischunterricht und zum anderen zu Beginn der 5. Klasse angewendet werden sollen. Damit könnte ein nahtloser Übergang im Fach Englisch von einer Schulform zur anderen ermöglichen werden. Sie beweist, dass der oft als problematisch angesehene Wechsel von der Grundschule in die Sekundarstufe seinen „Schrecken“ verlieren kann, wenn alle Verantwortlichen die Beteiligten als eine dynamische Einheit in einem kontinuierlichen Prozess sehen.

Die ausgezeichnete Arbeit von Katja Sophie Habering zeichnet sich durch einen hohen Innovationsgrad aus und zeigt, dass die Verf. sowohl hervorragende Kenntnisse der relevanten Fachliteratur als auch einen genauen Blick für die Praxis besitzt. Die klar strukturierte und sehr gut geschrieben Studie zeigt umfassende didaktische Kenntnisse und sichere Methodenbeherrschung. Die Kombination theoriegestützter Problemanalyse, didaktischer Phantasie, stimmiger Projektbeschreibung und praxisbezogener Überlegungen zur Implementierung ist hier besonders gut und überzeugend gelungen. Frau Habering zeigt auf plausible Weise, dass es oftmals nur kleinerer Hilfsmittel bedarf, um ein vertracktes schulisches Problem auf erfolgsversprechende Weise anzugehen. Ihre originellen Vorschläge zur Neugestaltung der „Transition Period“ sind ebenso relevant wie plausibel und deshalb verdient die vorliegende Arbeit die Auszeichnung mit dem Fakultätspreis.

 

Eberhard Wehrle

"Kommunikationsstrukturen in Hergés Tintin"

B.A. Medienkulturwissenschaften, Betreuer: Prof. Dr. Stephan Packard

Tim und Struppi, Kapitän Haddock, Professor Bienlein und das tollpatschige Detektivduo Schulze und Schultze – die meisten von uns kennen das Personal der vom belgischen Zeichner Hergé geschaffenen Comicwelt. Aber wie reden die Helden untereinander? Diese Frage steht am Anfang von Eberhard Wehrles Bachelorarbeit, die sich mit den Strukturen intradiegetischer Kommunikation in der Welt von „Tintin“ befasst, wie die Comicreihe im Original heißt. Hierzu werden vier ausgewählte Heft analysiert, die als repräsentativ für unterschiedliche Entwicklungsphasen der Geschichten gelten können. Mit dem Instrumentarium der quantifizierenden Netzwerkanalyse wird die Kommunikation zwischen den Protagonisten der vier Geschichten auf ihre Beziehung zum Handlungsablauf und vor allem auf ihre formale Struktur hin analysiert. Die comic-spezifischen Darstellungsmodi kommunikativer Akte (Sprech- und Denkblasen, Onomatopoetika, nichtsprachliche graphische Elemente etc.) werden akribisch vorgestellt und für die Netzwerkanalyse aufbereitet und operationalisiert. Stimmig zeigt der Verf. die zunehmende Komplexität von Tintins Welt und auch die wechselnde Gewichtung der Hauptprotagonisten im Kommunikationsgeschehen.

Die Arbeit von Eberhard Wehrle zeichnet sich durch ihren souveränen, sehr sachkundigen und reflektierten Einsatz der Techniken EDV-gestützter Netzwerkanalyse aus, dessen Voraussetzungen, Erkenntnismöglichkeiten und Abläufe präzise vorgestellt werden. Gestützt auf die ausgezeichnete Kenntnis sowohl der Geschichte der Comic-Reihe als auch der kunsthistorischen und medienwissenschaftlichen Comic-Forschung entwickelt und implementiert der Verf. sehr eigenständig ein Untersuchungsprogramm, das über den konkreten Gegenstand hinaus die Möglichkeiten des Einsatzes avancierter Instrumente der digital humanities demonstriert. Die Arbeit ist in hohem Maße methodenbewusst, klar strukturiert, reflektiert und formal wie sprachlich makellos. Und für alles dieses gibt es heute den Fakultätspreis.

 


Masterarbeiten



Lilian Joline Beneker

"„Mordschwestern“. Gewalt und Gegengewalt in „Frauenkrimis“ der 1980er und 1990er Jahre"

M.A. Literaturwissenschaften, Betreuer: Prof. Dr. Nicolas Pethes

Mittlerweile haben sich deutsche Fernsehzuschauer daran gewöhnt, dass die Kriminalfälle im „Tatort“ auch von Kommissarinnen gelöst werden. Vorbei sind die Zeiten von Derrick und Co., in denen sich die weibliche Mitwirkung an der Verbrechensbekämpfung aufs Kaffeekochen beschränkte. Auch die Ausübung expliziter physischer Gewalt – sei es im Dienst des Guten oder des Bösen – ist im Genere des Krimis keine rein männliche Domäne mehr. Auch Frauen morden. Wie sich dieser Rollenwandel abgespielt hat, ist das Thema von Lilian Benekers sehr gut und dicht geschriebenen Untersuchung gewaltsam handelnder Frauengestalten in rezenten deutschen Kriminalromanen. Empirischer Kern der Studie sind drei Romane, die daraufhin analysiert werden, in welchen Rollen und Kontexten gewaltausübende Frauenfiguren auftreten, welche Motive der Gewaltausübung handlungsleitend sind, wie weibliche Gewalt erzählerisch legitimiert und wieweit sie zum Mittel der Gesellschaftskritik gemacht wird. Diesen Fallstudien vorgeschaltet ist ein ausführliches und sicher strukturiertes Kapitel, das sich aus historischer und systematischer Perspektive mit der Geschichte von Kriminalitätstheorien sowie von stereotypen Vorstellungen geschlechtsspezifischer Gewaltaffinität befasst.

Die Studie verarbeitet sachkundig die einschlägige Spezialforschung, stützt ihre erzähltheoretisch inspirierte Analyse aber ganz auf die sicher strukturierte Auswertung des Quellenmaterials. Da die drei Romane auch unterschiedliche Entwicklungsphasen des Genres abbilden, gelingt es der Verf. zudem, den Wandel der Gewaltszenarien, ihrer Kontextualisierung und ihrer Begründung seit den 1980er Jahren zu verfolgen. Frau Beneker hat ein originelles und relevantes Thema gewählt und sehr erfolgreich behandelt. Die vielfach in der Forschung aufgegriffene feministische bzw. gendertheoretische Perspektive wird hier auf einen Gegenstand gerichtet, der geeignet ist, sowohl die anhaltende Geltungskraft tiefsitzender geschlechtsspezifischer Rollenzuschreibungen, als auch deren partiellen Wandel und die Aporien dieses Wandels zu thematisieren und zur Diskussion zu stellen. Und weil das Ganze auch noch in klarer und präziser Wissenschaftsprosa verfasst ist, wird die Arbeit heute mit dem Fakultätspreis ausgezeichnet.

 

Teresa Cremer

"“It’s a privilege to call it a crisis”: Improvised practices and socio-economic dynamics of Cape Town’s current water shortage"

M.A. Ethnologie, Betreuerin: Prof. Dr. Michaela Pelican

Die vorliegende Arbeit behandelt ein hochaktuelles Thema in besonders souveräner Form. Viele Redensarten beziehen sich auf Krisen und referieren zumeist auf das Ende einer Krise: „aus einer Krise herauskommen“, „aus einer Krise lernen“ oder „gestärkt aus einer Krise hervorgehen“. All diese Phrasen verwischen den Blick auf die Not und die Bedrohung, die während der Krise für einzelne Menschen existenziell seien kann. Eine dieser Krisen ist die Wasserkrise in Kapstadt, Südafrika. 2015 wurde Kapstadt von einer schweren Dürre heimgesucht. Die geringen Niederschläge zogen sich über Jahre hin und kulminierten in einer Wasserkrise, die ihren dramatischen Höhepunkt erreichte, als die Stadtverwaltung für Anfang 2018 einen "Day Zero" ankündigte, den Tag, an dem die Wasserhähne in der Stadt abgedreht werden würden.

Teresa Cremer untersucht in ihrer Masterarbeit, wie marginalisierte Bewohner:innen der Stadt an den zentralen Wassersammelstellen, an denen die täglich zugeteilte Wasserration in Behältnisse abgefüllt werden konnte, mit der Versorgungskrise umgingen. In ihrer mehrmonatigen teilnehmenden Beobachtung hat Teresa Cremer die Praktiken, Interessen und Situationsdeutungen der Wassersammler:innen und des Aufsichtspersonals studiert. In vielen Gesprächen gewann sie einen detaillieren Einblick in die Nutzung der Wassersammelstelle und die sozialen Interaktionen, die zwischen den verschiedenen Akteursgruppen stattfanden. Hierdurch gelingt ihr ein Perspektivenwechsel, der klar zutage treten lässt, dass der Diskurs der Wasserknappheit in Kapstadt als ein Diskurs der Mittel- und Oberschicht geführt wurde. Cremer resümiert, dass das, was für die wohlhabenden Teile der Bevölkerung eine einschneidende Krise war, sich für die marginalisierten Kapstädter gar nicht so sehr von ihrem ohnehin prekären Alltag unterschied und ihnen z.T. sogar neue Einkommenschancen bot.

Die auch sprachlich gelungene Masterarbeit von Teresa Cremer betritt inhaltlich Neuland, wo sie die Interaktionen und Beweggründe der Akteur:innen an der Wassersammelstelle in Newlands, einem Stadtteil Kapstadts, untersucht. Darüber hinaus leistet sie mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Kritik und theoretischen Reflexion der allgegenwärtigen Krisennarrative. Die Relevanz des Gegenstandes und die methodisch saubere Umsetzung des Forschungsprojekts unterstreichen Teresa Cremers Kompetenzen als Ethnologin und ihr Gespür für wissenschaftliche Fragestellungen von besonderer gesellschaftlicher Bedeutung.

 

Meike Jutta Eiberger

"Das Verschwinden der Schreinmadonnen. Überlegungen zum Niedergang eines Bildtypus"

M.A. Kunstgeschichte, Betreuerin: Prof. Dr. Susanne Wittekind

Die Verf. verfolgt in ihrer kunsthistorischen Masterarbeit die Frage, warum der Bildtypus der „Schreinmadonna“ ab dem 17. Jahrhundert aus der europäischen sakralen Kunst verschwand. Während die bisherige Forschung vor allem auf die Entstehungsgeschichte dieser Plastiken und ihre Typologie geblickt hat, richtet sich das Forschungsinteresse hier auf deren Bedeutungsverlust und Niedergang. Gestützt auf die umfassend rezipierte Forschung sowie eine Auswahl gut dokumentierter Madonnendarstellungen und einschlägiger Quellen verfolgt Frau Eiberger drei Entwicklungen, die das Verschwinden figürlicher Madonnendarstellungen, die sich vertikal öffnen ließen und in ihrem Innern religiöse Darstellungen unterschiedlicher Thematik zeigten, plausibel erscheinen lassen. Erstens verweist sie auf theologische Entwicklungen im postreformatorischen Katholizismus, die die Darstellung der Dreifaltigkeit in Gestalt des Gnadenstuhls im Innern einer Madonna als problematisch ansahen, da allein die Person Jesu mit dem marianischen Körper verbunden war. Zweitens argumentiert die Verf., dass die Entwicklung einer säkular-naturwissenschaftlich legitimierten anatomischen Forschung die Öffnung des weiblichen Körpers mit anderen Konnotationen verband, so dass der Blick in die Schreinmadonna zu „falschen“, aus einer religiösen Weltsicht unpassenden Assoziationen führen konnte. Drittens schließlich hätten ästhetische Innovationen im Bereich der Plastik die typische Gestalt der Schreinmadonna als veraltet und „hässlich“ erscheinen lassen.

Frau Eiberger hat eine klar gegliederte und souverän geschriebene Arbeit vorgelegt, die sich durch exzellente Literaturkenntnis und eine stimmige Argumentation auszeichnet. Der Bildtypus der Schreinmadonna wird präzise vorgestellt und kontextualisiert, die Grundthese der Arbeit, wonach verschiedene, sich überlagernde Entwicklungen den Niedergang dieser Madonnendarstellungen bewirkten, wird plausibel entwickelt, nicht ohne auf Grenzen der Beweisführung hinzuweisen. Die Stärke der Arbeit liegt darin, die Befunde der einschlägigen kunst-, medizin- und theologiegeschichtlichen Literatur zu einer differenzierten Gesamtinterpretation zusammengeführt zu haben. Für diesen eigenständigen und überzeugenden Beitrag zur kunsthistorischen Forschung erhält Frau Eiberger heute den Fakultätspreis.